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Das Leben ist wie Stand-up-Paddling

  • Autorenbild: Maurice Ghaedi Bardehei
    Maurice Ghaedi Bardehei
  • vor 5 Tagen
  • 6 Min. Lesezeit

Über große Worte, alte Fehler und die Kunst, beim Wackeln stehen zu bleiben



Ich habe in den letzten Tagen viel nachgedacht.

Vor allem über Enttäuschungen.

Über Menschen.

Und wie schnell man manchmal von einem Gedanken in den nächsten gezogen wird, bis man plötzlich an einem Ort ankommt, an den man eigentlich gar nicht wollte.

Vor zwei Tagen habe ich einen Post einer Frau gelesen. Sie schrieb darüber, weshalb sie Menschen mag.

Es waren kleine Eigenschaften. Immer wieder eine neue.

Dinge, die Menschen tun. Eigenarten. Widersprüche vielleicht. Kleine Dinge, die sie liebenswert machen.

Ich fand das so faszinierend, dass ich mich sofort an meinen Schreibtisch setzte und darüber nachdachte, was ich eigentlich an Menschen mag.

Und irgendwie war ich plötzlich bei mir.

Bei meinen vermeintlichen Verfehlungen.

Bei Dingen, die ich besser weiß und trotzdem nicht mache.

Bei Menschen, von denen ich enttäuscht bin, obwohl ich selbst vermutlich genug Gründe geliefert habe, um andere Menschen von mir zu enttäuschen.

Und ehe ich mich versah, war ich wieder getriggert.

Sogar politisch.

Ich. Politisch.

Das ist eigentlich gar nicht mein Wohlfühlbereich.

Ich habe nämlich eine Prämisse:

Ich ziehe nicht in Kämpfe, die nicht auf meinem Schlachtfeld stattfinden.

Mein Schlachtfeld ist das Fühlen.

Die Fantasie.

Das Menschliche.

Und trotzdem lasse ich mich manchmal in Dinge hineinziehen, von denen ich genau weiß, dass sie mir nicht guttun.

Ich gebe Menschen Ratschläge und halte mich selbst kaum daran.

Ich bin manchmal sogar sauer auf Menschen, wenn sie meine Ratschläge nicht befolgen.

Das muss man sich einmal vorstellen.

Da sitzt ein Mann, der selbst regelmäßig über seine eigenen Füße stolpert, und erklärt anderen mit erstaunlicher Überzeugung, wie man richtig läuft.

Ich frage Menschen um Rat, weil ich ihre Gedanken mit meinen abgleichen möchte.

Um dann auf meine eigene Lösung zu kommen.

Gleichzeitig fordere ich von Menschen, selbstständig zu denken.

Alles zu hinterfragen.

Auch mich.

Und eigentlich wusste ich diese Dinge schon sehr früh.

Ich wusste, dass es richtig ist, sich selbst zu hinterfragen.

Ich wusste, dass wir Menschen in Mustern stecken.

Ich wusste, dass es verdammt schwer ist, aus ihnen herauszukommen.

Ich habe diese Dinge gesagt.

Aber manchmal habe ich sie vermutlich auch nur gesagt, weil ich wusste, dass ich sie selbst lernen musste.

Vielleicht geben wir anderen manchmal genau den Rat, den wir selbst am dringendsten brauchen.

Und vielleicht ist ein guter Rat nicht deshalb schlecht, weil der Mensch, der ihn gibt, selbst noch nicht danach lebt.

Ich habe in meinem Leben viele Fehler gemacht.

Wirklich viele.

Ich bin nicht frei davon.

Ganz im Gegenteil.

Viele meiner heutigen Weisheiten sind vermutlich ehemalige Fehler, über die ich inzwischen oft genug nachgedacht habe.

Ich habe Menschen verletzt.

Ich wurde verletzt.

Und ich habe irgendwann Dinge getan, bei denen ich heute denke:

Warum?

Warum warst du so?

Es gibt dafür viele Erklärungen.

Die kenne ich inzwischen auch.

Aber darum soll es hier gar nicht gehen.

Es geht darum, dass ich heute nicht mehr der Mensch bin, der ich einmal war.

Ich war ein Mensch, der sein Leben lang auf rohen Eiern gelaufen ist.

Immer vorsichtig.

Immer angespannt.

Immer damit beschäftigt, irgendwie zu überleben.

Ich habe Dinge gelernt, ohne nach rechts und links zu schauen.

Ich habe Muster übernommen, weil ich dachte, dass es so sein muss.

Vielleicht habe ich manchmal Menschen verletzt, weil ich selbst verletzt worden war.

Vielleicht auch, weil irgendwo in mir dieser beschissene Gedanke steckte:

Lieber die als ich.

Ich kann mich mit diesem Menschen heute nicht mehr identifizieren.

Und ich tue es auch nicht.

Aber ich hasse ihn nicht.

Denn ich wäre ohne ihn vermutlich nicht hier.

Er hat es irgendwie geschafft.

Vielleicht nicht besonders elegant.

Vielleicht hat er dabei zu oft um sich geschlagen.

Aber er hat überlebt.

Und ich glaube, genau hier beginnt gerade etwas Neues für mich.

Denn ich habe über Jahre sehr viel aufgearbeitet.

Ich habe versucht zu verstehen.

Ich habe Fehler erkannt.

Ich habe mir selbst verziehen.

Ich habe Menschen verziehen, gegen die ich lange einen Groll gehegt habe.

Und irgendwann habe ich vermutlich etwas getan, das ich nicht bemerkt habe:

Ich habe aufgehört, der Mensch von damals zu sein.

Nur hatte ich noch keine Ahnung, wer ich jetzt eigentlich bin.

Und das erklärt mir inzwischen vieles.

Auch, warum ich mit manchen Dingen nicht so vorankomme, wie ich es gerne würde.

Mit mir.

Mit meinen Zielen.

Mit meinen Plänen.

Ich bin immer noch hart zu mir.

Vielleicht, weil diese Härte früher notwendig war.

Vielleicht, weil ich dachte, dass ich nur dann etwas schaffe, wenn ich mich selbst ständig antreibe.

Wenn ich mir Ziele setze und mich anschließend dafür bestrafe, dass ich sie nicht sofort erreiche.

Aber irgendwann lässt man locker.

Und wenn man locker lässt, verliert man zunächst Sicherheit.

Das klingt vielleicht verrückt.

Aber wenn du dein Leben lang angespannt warst, fühlt sich Entspannung erst einmal nicht nach Freiheit an.

Sondern nach Kontrollverlust.

Und genau deshalb haben Veränderungen Rückschläge.

Wir alle stecken in Mustern.

Und wenn wir versuchen, aus ihnen auszubrechen, wackelt es.

Meine These ist inzwischen:

Das Leben ist wie Stand-up-Paddling.

Am Anfang stehst du auf diesem Board und denkst bei jeder kleinen Welle:

Scheiße.

Ich falle gleich rein.

Dann wackelt das Board ein bisschen.

Du wackelst.

Du ruderst wie ein Irrer.

Du versuchst, wieder das Gleichgewicht zu finden.

Und irgendwann wirst du besser.

Nicht, weil das Wasser ruhiger geworden ist.

Sondern weil du gelernt hast, auf dem Board zu stehen.

Du lernst mit den Wellen umzugehen.

Und manchmal schwimmt auch noch jemand hinter dir her und rüttelt an deinem Board.

Das Leben.

Die Vergangenheit.

Ein Kritiker.

Ein Mensch, der dir irgendetwas beweisen möchte.

Auch das ist eine Übung.

Ich glaube, ich begreife gerade endlich, warum ich mit mir manchmal nicht so schnell vorankomme, wie ich gerne möchte.

Ich brauche eine neue Routine für mein neues Ich.

Und das bedeutet nicht, dass ich plötzlich aufhören muss, Menschen Ratschläge zu geben.

Vielleicht können diese Ratschläge ihnen sogar helfen.

Vielleicht machen sie es besser als ich.

Das wäre doch wunderbar.

Ich muss nur aufhören, meine eigenen Ratschläge wie eine Messlatte über mein Leben zu legen.

Ich kann nicht alles richtig machen.

Schon gar nicht in meinem neuen, kurzen Leben.

Denn wenn ich ehrlich bin, bin ich in meinem jetzigen Leben vielleicht gerade drei, vier oder sechs Jahre alt.

Wie soll ich mich da schon richtig gut kennen?

Ich gebe mir Zeit.

Das ist vielleicht mein Learning.

Und die Kritiker aus meiner Vergangenheit?

Die interessieren mich inzwischen nicht mehr besonders.

Nicht, weil sie grundsätzlich Unrecht hatten.

Vielleicht hatten einige von ihnen sogar recht.

Vielleicht sehe ich manche Dinge heute selbst ähnlich.

Aber sie kennen eine Version von mir, die ich längst verlassen habe.

Ich gehe da nicht mehr hin.

Ich muss im Hier und Jetzt leben.

Und maximal im Morgen.

Ich darf von der Zukunft träumen.

Aber ich will nicht ständig zurück in die Vergangenheit gezogen werden.

Das Leben kann schnell vorbei sein.

Und ich habe die letzten zehn Jahre und mehr damit verbracht, vieles aufzuarbeiten.

Ich kenne meine Fehler.

Zumindest einen großen Teil davon.

Ich habe mir verziehen.

Ich habe anderen verziehen.

Und jetzt möchte ich meine Energie darauf verwenden, nach vorne zu gehen.

Gutes zu tun.

Und Dinge anders zu machen.

Eine Absolution kann man nicht erwarten.

Und ganz ehrlich: Selbst wenn sie kommt, bringt sie nicht besonders viel, wenn man sich selbst nicht verzeihen kann.

Du kannst dich entschuldigen.

Du kannst Verantwortung übernehmen.

Du kannst etwas verändern.

Aber du kannst niemanden dazu zwingen, dir zu vergeben.

Und wenn du dir selbst verzeihst und deine Entschuldigung trotzdem nicht angenommen wird – was machst du dann?

Bleibst du für immer stehen?

Hängst du dein ganzes Leben an der Schuld fest?

Bringt dich das nach vorne?

Nein.

Du wirst gefangen bleiben.

Das Wichtigste ist, einen Fehler zu sehen.

Ihn zu verstehen.

Etwas zu verändern.

Und ihn nicht immer wieder zu machen.

Vielleicht ist das mein Rat an Menschen, die nicht vorankommen, weil sie irgendwo in ihrer Schuld festhängen.

Ich weiß, ich weiß.

Der Mann, der Ratschläge gibt und sie selbst manchmal nicht befolgt.

Aber vielleicht gerade deshalb.

Lass los.

Nicht deine Verantwortung.

Nicht deine Erkenntnisse.

Nicht die Dinge, die du daraus gelernt hast.

Aber lass los, was du nicht mehr ändern kannst.

Du kannst gestern nicht besser machen, indem du dich heute dafür weiter bestrafst.

Du kannst nur heute anders sein.

Und morgen vielleicht noch ein kleines bisschen besser.

Am Anfang habe ich mich an meinem neuen Leben festgehalten wie an einem wackelnden Board.

Inzwischen stehe ich darauf.

Noch nicht besonders elegant.

Aber ich stehe.

Und wenn die nächste Welle kommt, werde ich vermutlich wieder wackeln.

Vielleicht falle ich sogar hinein.

Dann steige ich eben wieder auf.

Denn vielleicht besteht das Leben gar nicht darin, irgendwann perfekt das Gleichgewicht zu halten.

Vielleicht besteht es darin, zu lernen, dass man auch beim Wackeln stehen bleiben kann.

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